1 Jahr LIEDER.LIEBE.LEBEN.

1  J A H R

Vor einem Jahr und einem Tag hat LIEDER.LIEBE.LEBEN. (kurz “3L”) als mein Blog das Licht der Welt erblickt. Und im Laufe des Jahres hat es sich so wundervoll entwickeln dürfen. Ich habe den gleichnamigen Podcast gestartet und 10 Episoden aufgenommen, es gab diverse 3L Sessions, die auf dem gleichnamigen YouTube-Kanal, aber auch bei Instagram und Facebook zu sehen sind und mittlerweile gibt es sogar die “LIEDER.LIEBE.LEBEN.für alle” Facebook-Gruppe, die stetig wächst.

Den heutigen Tag möchte ich erneut nutzen, um zu erinnern. Daran zu erinnern, wie wertvoll unser Leben ist. Jedes einzelne Leben. Jeder Tag, jede Minute. Jeder Tag schenkt uns so viele Möglichkeiten.

Ich weis noch genau, wie ich auf einer Bank unter einem Baum, auf dem Krankenhausgelände der Uniklinik Karlsruhe saß, mit meinem alten weißen Macbook, der noch gutmütig das Schreiben mit sich machen ließ, ansonsten aber immer langsamer wurde. Ich schrieb meine Gedanken und Gefühle auf, zudem was mich erwarten würde am Tag darauf. Ich schrieb von Liedern, Liebe und meinem Leben und allen Ängsten und Wünschen. (Diesen Text kannst du hier nachlesen.)

Und jetzt, ein Jahr später sitze ich wieder und schreibe. Voller Dank und Glücksgefühl, dass ich in der Lage bin, das hier überhaupt zu schreiben. Voller Stolz, herzklopfend und erstaunt zugleich, was in diesem einen Jahr möglich geworden ist. Voller Freude und Liebe, über die Menschen die in meine Leben sind. Und respektvoll meinem Leben und der Leistung meines Körpers gegenüber. 

Ich habe soviel lernen dürfen, über mich, über andere, über meine Gefühle und Handlungen, über Routinen und Flexibilität. Darüber, was mit Gedanken, Worten und festem Willen alles möglich ist. Es gibt sie, die Wunder. In klein und in groß. Ich bin gewachsen, innerlich und ins Außen und ICH BIN GESUND.

Ich liebe und lebe, mit allen Sinnen. Ich zweifle und hadere und finde wieder neue Wege. Ich lache und weine und alles darf sein. Ich falle hin und steh wieder auf. Ich nehme das Leben mit all seinen Facetten an. Manchmal mit Leichtigkeit und manchmal verbissen. Aber immer wieder darauf besinnend, dass es hätte ganz anders kommen können.

Vor einem Jahr habe ich nicht gewusst, wie es mir heute gehen wird. 

Der 29.06.2017 sollte alles verändern. Er sollte mich befreien und mir helfen, schmerzfrei, angstfrei und das Leben liebend, weiter zu gehen.

Der Morgen vor der OP war eigentlich ok. Ich hatte etwas geschlafen, war nochmal duschen und wohlweislich Haare waschen. Gegen 12Uhr sollte es losgehen. Ich war voller Vertrauen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und eigentlich ganz gut drauf. Der Neurochirurg kam nochmal ins Zimmer, da war meine Bettnachbarin schon auf dem Weg in den OP. Er war zuversichtlich, in seiner ruhigen, freundlichen Art und sagte, ich kann mich so darauf einstellen, dass es in ca. 1,5h losgeht.

Ok, doch so schnell. Ich rief meinen Herzensmann an, dass er doch schon früher kommen soll, damit wir uns vor der OP noch sehen. Er war mit mir nach Karlsruhe gefahren, um in dieser Zeit bei mir zu sein und schlief im Hotel. Er hatte sich vorbereitet, auf alles, was da kommen mag. Das erfuhr ich erst hinterher. Er hatte sich alle möglichen Videos angeschaut von Dokumentationen, über Erfahrungsberichte usw. für den Fall „das was schiefgeht?“ und damit er weis, wie es ist, wenn ich aus der Narkose aufwache, wenn ich auf der Intensivstation liege, wenn ich komische Zuckungen habe und und und. Er wollte sich wappnen. Ich hatte ihm einen Brief geschrieben. Es war kein Abschiedsbrief, es war ein DANKE Brief. Ich war einfach so froh, das er da war, in meinem Leben und in dieser Situation und dafür, wie er damit umging. Wir waren uns darüber im Klaren, dass diese OP alle möglichen Risiken hat und doch oder gerade deswegen, waren wir irgendwie ruhig und voller Vertrauen, zumindest bis dahin. Die Schwester kam und sagte, ich kann nun langsam das wunderschöne Op-Hemd und die Strümpfe anziehen und dann wollte sie mir den LMAA-Drink geben, doch ich lehnte ab. Ich wollte dieses Mal bei vollem Bewusstsein die Schritte erleben, bis die Narkose einsetzt. Ich wollte nicht die Kontrolle schon vorher abgeben und ich wollte mir vor allem die Sicherheit geben, in guten Händen zu sein und meinen Mann Küssen.

Also zog ich das Hemdchen an und die weißen Thrombosestrümpfe. Und dann überkam es mich. Die Tür ging auf, meine Herzkönig kam rein, ich lächelte ihn an und war so froh, das er da war  und dann ich fing an zu weinen. Da war sie plötzlich, die Angst. Diese Scheißangst, die einfach mal in so einer Situation voll normal und ok ist. Ich war nicht panisch, ich habe einfach nur geweint. Und während ich das hier schreibe, weine ich wieder. Weil ich sie noch spüren kann, wenn ich an diese Situation denke. Ich hatte nur den Gedanken: „Ich will da heile wieder rauskommen.“ Es war gut, in seinem Arm weinen zu dürfen und seine Wärme zu spüren. Und dann ging die Tür ein weiteres Mal auf und es hieß. „Es geht los.“ 

Ich legte mich ins Bett und der Pfleger schob mich aus dem Zimmer.

Mein Herzkönig kam hinterher. Bis zur Glastür der OP-Vorbereitung. Ich weis noch, das ich den Arm hob, einmal winken noch…

Dann ging ab in den Fahrstuhl und wir fuhren in den Keller. Dort wurde mein Bett mit mir drin, vor einer Metalltür abgestellt und an einer Art Glasvitrine wurde dem dort sitzenden bescheid gegeben, dass ich da bin. Der Pfleger kam nochmal kurz zu mir, sagte mir, dass ich gleich von hier abgeholt werde und für die OP vorbereitet werde und wünschte mir alles Gute.

Und dann lag ich da…in meinem Bett, zitternd vor Kälte oder Anspannung, Tränen in den Augen, Kloß im Hals und gleichzeitig lächelnd, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass sich das so anfühlen wird. Diese Angst, gleich keinen Einfluss mehr darauf zu haben, wie gut der Tumor entfernt wird. Keinen Einfluss darauf, ob der Neurochirurg einen guten Tag hat, den richtigen Winkel erwischt und die richtige CD eingelegt wird. (Mir wurde vorher gesagt, dass er immer Musik hört im OP, das fand ich sehr sympathisch.) Ich habe gelächelt und überlegt, wie ich diese Situation für mich gut handeln kann.
Was machte ich da nun heulend und zitternd? Ich fing an mich zu erinnern, was ich in den letzten Jahren gelernt habe. Als erstes klopfte ich auf mein Brustbein, um die Thymusdrüse zu stimulieren. Das beruhigt, das kannte ich schon. Und ich fing an meine Augen zu bewegen. Horizontal, vertikal, diagonal, immer acht Mal und dann wechseln, von oben nach unten, von links nach rechts usw. Weil das die Augenbewegungen sind, die wir in der REM-Schlafphase machen, die dafür zuständig ist, alle Emotionen zu verarbeiten. Ich bewegte meine Augen, zählte immer bis acht und klopfte das Wunderwerk Thymusdrüse…und merkte nach kurzer Zeit, wie ich mich entspannte, wie sich der Kloß im Hals löste, wie das Zittern aufhörte und ich mir sagen konnte: „ Es ist alles gut und richtig. Es wird alles gut werden.“ Mein Vertrauen kam wieder und es kam noch wer…nämlich der Professor um die Ecke, der mich gleich operieren würde. Ja, aber in normaler Kleidung, mit Aktentasche unterm Arm, lockerem Gang und einem Lächeln im Gesicht, als er mich sah. Ich sagte zu ihm: „Sie sehen aus, als würden Sie nach Hause gehen.“ Er antwortete mir: „Ich habe die erste Operation gerade fertig und mache jetzt eine Pause, solange Sie vorbereitet werden. Das dauert jetzt noch etwa eine Stunde.“ EINE STUNDE? Wow. „Okay, dann hat er noch Zeit sich zu entspannen und ist dann voll da.“, war mein nächster Gedanke.

Ich fragte ihn, ob er mir ein Stück des Epidermoids, von dem er in unserem ersten Gespräch schwärmte, dass es eigentlich ganz schön aussieht, nämlich wie Perlmutt, aufheben könnte.

Das klingt vielleicht für den einen oder anderen komisch, aber mir war das sehr wichtig. Denn auch meiner ersten OP, mit 12 Jahren, wollte ich unbedingt wissen, wie das Ding aussah, was sie mir entfernt hatten. Ich hatte es immer schwarz und dunkel in meiner Vorstellung. Und seit dieser Information, dass ein Epidermoid, diese Perle in meinem Kopf aussieht wie Perlmutt, dachte ich nur: „Das will ich sehen.“ Und außerdem, würde es wie so eine Art Bestätigung, dass sie es rausgeholt haben.

Er sagte, es wäre kein Problem, das macht er. Und dann verabschiedete er sich mit den Worten: „Bis gleich, das wird gut, ich freu mich drauf.“

Das gab mir soviel Mut und Leichtigkeit, die ich in dem Moment brauchte. Wenn der operierende Neurochirurg sich auf diese Herausforderung freut, dann kann garnichts schiefgehen.

Im nächsten Moment öffnete sich die Metallschiebetür und ein junger OP-Helfer kam raus und begrüßte mich. Der name ist mir leider doch entfallen. Ich nenne ihn jetzt Tom.

Er schob mein Bett in den räum hinter der Metalltür und dann durfte ich auf eine andere Liege klettern. Da lag ein Gelkissen, in das ich meinen Kopf legte und dann wurden mir sämtliche Kelchen für das EKG an den Körper geklebt. Tom stellte Fragen. Was ich so mache und wo ich herkommen. Ich sagte ihm, ich bin Musikerin aus Berlin. Ach schön, Berlin. Da gibts so gute Currywurst…ja das kann sein. Während wir so sprachen packte er mich mit leichten Laken ein und schwupps, schob er mich direkt in den nächsten Raum und verabschiedete sich. Da begrüßte mich auch schon die freundliche Anästhesieschwester, die ihres Amtes waltete. Fragte wie schwer  und groß ich bin, wann ich geboren wurde und das letzte Mal gegessen und getrunken habe. Ob ich schon müde bin. Nö, hab den Saft nicht getrunken. Ach was? Und dann liegen Sie hier so ruhig? Donnerwetter. Wenn irgendwas ist, soll ich es gleich sagen. Mach ich.

Die zweite Schwester kam rein und es herrschte eine ruhige, freundliche Stimmung und sie stöpselten mich an diverse Geräte an. Eine Kanüle links wurde gelegt und die Manschette für das Blutdruckmessgerät am rechten Arm. Den Blasenkatheter legen sie dann später…schön, dass ist nett.

Der Narkosearzt kam und die Stimmung kippte plötzlich. Alles wirkte bedrückend in dem Moment. Er war nett und vermutlich konzentriert. Stellte die gleichen Fragen, wie die Schwester zuvor und ich gab Antwort. Die Sauerstoffmaske wurde mir auf den Oberkörper gelegt…kommt nur Sauerstoff…ok.

Schön tief atmen. Alles klar.

Gleich würde eine kalte Flüssigkeit in meinen Arm laufen und dann würde ich müde werden und einschlafen.

Gut, ich bin drauf gefasst…dachte ich. Doch was dann kam, war krass und ging ganz schnell. IInnerhalb von Sekunden lief die kalte Flüssigkeit von meiner Hand den linken Arm hoch, fing an zu brennen, mir wurde heiß, kalt, heiß, schwindlig, ich versuchte zu atmen, es ging nicht, ich hatte das Gefühl, etwas drückt sich auf meinen Brustkorb, ich hatte Angst zu ersticken, Panik. “Hilfe” wollte ich schreien und dann war ich weg…

…“Da kommt sie.“…“tief atmen…“ „…alles in Ordnung…“

Eine Frau und noch jemand…alles dunkel. Ich schlafe wieder ein.

Piepen, Pumpen, Schritte, Stimmen.

Müde, drückend, erschöpft.

Ich spüre meine Beine, bewege meine Finger, es geht. Ich liege…wo bin ich?

Ich fasse mir mit der linken Hand an meine Stirn. Es fühlt sich kahl an…wurden die Haare doch rasiert? Nein, da ein Verband über meinem Auge, wie groß ist der?…Augen auf, ja ich kann sehen. Mit beiden Augen. Ein Raum, gedämmtes Licht. 2 Bildschirme, eine Tür, darüber eine Uhr. Mein Hals ist trocken. Eine Frau im Kittel kommt zu mir. „Hallo, Sie sind auf der Intensivstation. Sie haben die Operation gut überstanden. Ihr Mann ist gerade gegangen, er kommt später. Oder wollen Sie ihn anrufen?“ „Ja!“ Sie wählt die Nummer mit ihrem Telefon und gibt es mir. Es klingelt, “Ja?“ „Hallo, wo bist du?“ „Du bist wach? Ich bin gerade im Hotel angekommen. Ich komme.“

Er kommt, wie schön. Ich döse wieder ein. Spüre nicht viel, nur meinen Rücken, der schmerzt. Und dann steht er da. Lächelt. Packt ein paar Sachen aus, auch meine Kopfhörer und zeigt mir das kleine Fläschchen. Da ist ein Stück der Perle drin.  „ Ich habe mit dem Professor direkt danach gesprochen. Alles raus. Die OP lief sehr gut. Keine Komplikationen“

ALLES RAUS!

Es wird alles gut. Es ist alles gut! Wirklich!

 

 

 

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